Digitale Bürgerbeteiligung

In der SZ erschien heute ein Artikel über Bürgerbeteiligung im Internet und bezeichnet sie als wirkungslose Wunderwaffe. Darin werden Probleme beschrieben, welche bei Beteiligungsverfahren im Internet auftauchen, aber ebenso auch in der offline Partizipation bestehen.

Im SZ Artikel heißt es:

Die digitalen Beteiligungsformen seien Demokratie-Placebos. Erstens machten zu wenige Menschen mit und zweitens seien die Ergebnisse oft gar nicht relevant

Erstens: Diese Probleme treten nicht wie suggeriert nur bei digitalen Beteiligungsformen auf, sondern ebenso in der Offline-Welt. Wie auch die SZ richtig feststellt, sinkt die Bereitschaft sich zu beteiligen, desto komplexer der Sachverhalt wird. Ich bin der Überzeugung, dass sich dieses Problem verringern ließe, wenn wir die Bürgerinformation als Vorstufe zur Beteiligung ernst nehmen würden und dem entsprechend Informationen laiengerecht aufarbeiten würden. Solange wir dazu nicht bereit sind, sind die derzeit so in Mode gekommenen Bürgerhaushalte nur eine Pseudo-Partizipation. Letztlich fehlen den meisten Bürgern wichtig Informationen, die sie in angemessener Zeit erwerben können, um qualifizierte Aussagen zum Haushalt treffen zu können. Bürgerhaushalte zeigen besonders deutlich diese Schwäche auf: die gemachten Vorschläge sind häufig überhaupt nicht umsetzbar, bereits umgesetzt, verstoßen gegen geltendes Recht etc. (wer das unschlüssig findet, schaue einfach mal hier). Dies hat zur Folge, dass seine Anregung häufig nicht umgesetzt werden und außerdem die Verwaltung, welche grundsätzlich an einem Informationsgewinn aus dem know how der Bürger interessiert ist, die Beteiligung eher als lästig, denn als Bereicherung empfindet. Dies liegt jedoch nicht an den Bürgern, sondern an dem gewählten Beteiligungsverfahren, der Bürgerinformation und der Moderation.

Aus meiner Sicht hängen die beiden Probleme unmittelbar zusammen: wenn ich als Bürger womöglich viel Zeit investiere, um meine Idee und Anregungen einzubringen und am Ende wird nichts davon umgesetzt, dann ist es nur logisch, dass beim nächsten Mal meine Bereitschaft sinkt erneut Zeit und Arbeit zu investieren.

Das bedeutet, dass jede Partizipation egal ob online oder offline so gestaltet werden muss, dass der Bürger am Planungsverfahren mitwirken kann. Wie sich dieser Anspruch verwirklichen lässt habe ich hier bereits ausführlich beschrieben.

Ideologie im Informationszeitalter

In der Postmoderne werdet Ihr die Freiheit haben alles zu tun und alles zu denken.

Politische Ideologien sind die logische Konsequenz des Bedürfnisses der Menschen sich mit Gleichgesinnten, Gleichdenkenden zusammen zu schließen. Ihnen liegt außerdem die Gemeinsamkeit zu Grunde, dass ihre Anhänger einen gewissen Wahrheitsanspruch hegen. Doch Ideologien möchten nicht nur Gleichgesinnte zusammenschließen, sie möchten per Definition andere überzeugen. Ihnen ist gemeinsam, dass sie nicht nur aufklären und für ihre Idee werben, sondern auch die Gesellschaft beeinflussen möchten. Dabei verfolgen sie einen normativen Gestaltungsanspruch.

Der Ideologiebegriff ist zunächst wertneutral. Wir alle werden feststellen, dass wir nicht frei von Ideologien sind. Vielmehr ist unserer Denken von Werten und Weltbildern geprägt und selbige werden wesentlich unser politisches Denken beeinflussen. Letztlich kann es keine Post-ideologische Gruppierung oder gar Partei geben.

In der Gesellschaft erleben wir stets eine Abkehr von den Werten der vorherigen Generation. Natürlich lag keiner Generation jemals ein gemeinsames Wertekonstrukt zugrunde, das für jeden in der Gesellschaft Gültigkeit erlangt, aber es lassen sich Mehrheitstendenzen erkennen. Heute entsteht der Eindruck es falle unserer Gesellschaft zunehmend schwerer, gemeinsame Werte zu definieren und gerne wird das böse Internet als Wurzel allen Übels angesehen. Doch stimmt das tatsächlich? Bricht unsere Gesellschaft auseinander? Erleben wir das Paradigmensterben? Leben wir tatsächlich in einer wertfreien Gesellschaft? Diese Angst ist geradezu lächerlich. Ja, das Internet hat dazu beigetragen, dass ich theoretisch tatsächlich alles denken und alles tun kann und viele sind bereit ihr Denken öffentlich zu kommunizieren.

Jeder Einzelne ist heute permanent gezwungen seine eigenen Werte zu überdenken. Wir erleben eine Generation, die natürlich auch von der Weltanschauung ihrer Vorgänger geprägt ist, aber ein großer Teil beginnt sich davon zu lösen. Es ist nicht nur möglich für jede irre Idee Gleichgesinnte zu finden, vielmehr werden wir zusätzlich täglich mit diesen Ideen konfrontiert. Es wird vielfach beschrieben, dass sich insbesondere im Internet abgeschlossenen Blasen bilden, in denen ich permanent in meinen Ideen bestätigt werde. Doch stimmt das wirklich? Ist es nicht vielmehr so, dass wir anfangen Ideologien zu vermischen? Wir Werte nicht mehr als zusammenhängendes untrennbares Gefüge sehen? Uns permanent selbst reflektieren? Früher musste ich die ganze Ideologie kaufen, es war mir kaum möglich nur Teilaspekte zu erwerben, heute ist es mir möglich Bausteine zu kaufen, sie mit anderen Bausteinen zu verbinden und mir einen eigenen Ideologie zu bauen. Blasen existieren nicht als abgeschlossenen Gefüge, sie sind durchlässig und verbinden die in ihnen agierenden Menschen. Da wir heute nicht mehr in einem Denkmuster gefangen sind, werden Ideen zwangsläufig in andere Blasen getragen. Diese Generation ist keineswegs Post-ideologisch, vielmehr ist sie Multi-ideologisch.

Wir steigen gewissermaßen alle aus unserer eigenen kleinen Höhle und treffen uns an der Oberfläche. Zunächst stehen wir noch mit den Menschen aus unserer Höhle zusammen, aber irgendwann wird es uns mit ihnen zu langweilig. Wir schauen uns um und suchen uns jemanden, der interessant aussieht, gehen zu ihm, reden, tauschen uns aus, lernen seine Freunde kennen. Seine Freunde haben sich mit Menschen aus anderen Höhlen unterhalten, wir lernen auch sie kennen. Wir reden, tauschen uns aus, natürlich streiten wir auch, wir verteidigen unsere Höhlen-Ideologie. Aber wir denken über ihre Ideen nach und manche sind gar nicht so weit von den unsrigen entfernt. Wir als Gesellschaft beginnen unsere Werte zu überdenken. Der Utopist in mir sieht eine Gesellschaft, die ihre Grundlage auf die letztlich wirklich notwendigen Werte reduziert, die für das menschliche Miteinander unbedingt notwendig sind. Es ist die Bestimmung unserer Generation die Findung dieser Werte zu ermöglichen.

Bürgerbeteiligung

Mit einem auf die Beteiligung von Akteuren und auf Kommunikation und Kooperation ausgerichteten Planungsprozess ist beabsichtigt, Informations-, Zeit- und Reibungsverluste zu vermeiden sowie auf Entscheidungen Einfluss zu nehmen. Ferner bietet sich so die Chance, umfassende Informationen über das Plangebiet zu erhalten, Vorbehalte und Vorurteile abzubauen sowie Bewusstseins- und Einstellungsänderungen anzustoßen. Ein kommunikations- und kooperationsorientierter Planungsprozess trägt dazu bei, die Motivation zum Mitmachen zu steigern, neue Aktivitäten und neue Projekte anzugehen. Werden Kommunikationsprozesse vernachlässigt, so ist zu erwarten, dass die Planung auf Widerstand bei denjenigen stößt, die die Umsetzung „ertragen“ sollen.

von Haaren 2004

Bürgerbeteiligung (offiziell heißt es Öffentlichkeitsbeteiligung, da diesen Begriff aber nicht mal die Planer verwenden, bleibe ich bei dem Begriff Bürgerbeteiligung) gewinnt zunehmend in der politischen Diskussion an Bedeutung. Nun gibt es nicht die Bürgerbeteiligung, sondern verschiedenen Methoden und Modelle, welche je nach Ausgangssituation am ehesten ein befriedigendes Ergebnis liefern. Grundsätzlich ist somit für jeden Planungsprozess eine individuelle Beteiligungsform zu wählen. Dennoch möchte ich im Folgenden versuchen die Ausgangslage in der deutschen Planung darzulegen und Lösungsansätze entwickeln.

Ausgangslage

Bürgerbeteiligung soll vor allem die Akzeptanz der Planung erhöhen. Planer sind somit gleichermaßen an einer zielführenden Bürgerbeteiligung interessiert, wie die Bürger selbst. Des Weiteren profitieren Planer regelmäßig insbesondere im peripheren Räumen von dem Know how der Bürger, was letztlich die Qualität der Planung verbessert. Dennoch wird in der Praxis Bürgerbeteiligung häufig von den Planern als lästig empfunden, insbesondere dann wenn sie zu einem späten Zeitpunkt erfolgt und die Beteiligung mehr einer Verteidigung gleicht. Setzt Bürgerbeteiligung zu einem späten Zeitpunkt ein, ist eine Änderung der Planung eigentlich nur noch in Detailfragen möglich. Der Planer wird in eine Abwehrhaltung gedrängt. Der Bürger wird sehr unbefriedigt und mit dem Gefühl zurückgelassen, es werde über seinen Kopf entschieden – durchaus zu recht.

Die rechtliche Grundlage der formellen Bürgerbeteiligung ist im BauGB § 2 geregelt. Demnach ist „die Öffentlichkeit möglichst frühzeitig über die allgemeinen Ziele und Zwecke der Planung, sich wesentlich unterscheidende Lösungen, die für die Neugestaltung oder Entwicklung eines Gebiets in Betracht kommen, und die voraussichtlichen Auswirkungen der Planung öffentlich zu unterrichten; ihr ist Gelegenheit zur Äußerung und Erörterung zu geben.“

Zusammenfassend stellt es sich also in der Praxis wie folgt da: Die Formulierung „frühzeitig“ lässt natürlich einen gewissen Interpretationsspielraum, somit ist die Planung i. d. R. bereits relativ weit fortgeschritten, bevor eine Beteiligung erfolgt. Leider ist das Kommunikationsinteresse von Bürgern häufig zu Anfang eines Planes oder Projektes noch eher gering und steigt mit zunehmender Konkretisierung. Erfolgt diesem Bedürfnis folgend die Beteiligung erst zu einem späten Zeitpunkt, sind Änderungen an der Planung mit hohen Kosten verbunden. Dies führt in der Praxis dazu, dass echte Planungsalternativen i. d. R. nicht durch die Bürgerbeteiligung erarbeitet werden, sondern vielmehr nur kleine Korrekturen zugelassen werden. Dies ist tatsächlich ein großes Problem im Planungsalltag; man beginnt mit der Planung, niemand interessiert sich dafür und wenn die Planung bereits einen hohen Konkretisierungsgrad erreicht hat, kommen die Bürger und beschweren sich, nur ist leider an dieser Stelle eine Änderung nur noch in Detailfragen möglich. An dieser Stelle lohnt es sich jedoch anzusetzen. Wenn wir von der Prämisse ausgehen, dass wir Bürger tatsächlich am Planungsprozess beteiligen möchten und es nicht nur als Pflichtaufgabe begreifen, müssen wir selbige motivieren sich bereits frühzeitig einzubringen. Somit ist es sinnvoll bereits frühzeitig mit der Kommunikation zu beginnen, die darauf abzielt möglichst viele Bürger zu erreichen.

Zurück zum BauGB:

Die Entwürfe der Bauleitpläne sind mit der Begründung und den nach Einschätzung der Gemeinde wesentlichen, bereits vorliegenden umweltbezogenen Stellungnahmen für die Dauer eines Monats öffentlich auszulegen. Ort und Dauer der Auslegung sowie Angaben dazu, welche Arten umweltbezogener Informationen verfügbar sind, sind mindestens eine Woche vorher ortsüblich bekannt zu machen; dabei ist darauf hinzuweisen, dass Stellungnahmen während der Auslegungsfrist abgegeben werden können

Die Form der Beteiligung ist vom Planungsträger frei wählbar. Die zur Verfügung gestellten Unterlagen sind i. d. R.nicht geeignet die Öffentlichkeit zu informieren. Sie sind für Laien meist nur unter hohem Zeitaufwand lesbar und bedürfen eigentlich einer Aufarbeitung für diesen Zweck.

Da die Beteiligung häufig eher als lästig denn als Bereicherung empfunden wird, entsteht das Klischee des Planes, der irgendwo im Keller in der hintersten Ecke ausgelegt wird und dies dann als öffentliche Auslegung verkauft wird. Dies ist natürlich ein überzeichnetes Bild, spiegelt jedoch wieder, wie ungeeignet die Form der Auslegung häufig ist. Es stellt sich die Frage, wie sich heute „ortsüblich“ definiert. Reicht es heute noch aus in Regionalzeitungen eine Bekanntmachung zu veröffentlichen? Wer liest das überhaupt noch? Ich jedenfalls nicht. Insbesondere wenn ich dadurch das erste Mal von diesem Vorhaben erfahre, wird meine Motivation eher gering ausfallen in den Keller des Rathauses zu gehen, um mir unverständliche Pläne anzusehen. Als Frage stellt sich, wie das Interesse der Öffentlichkeit bereits zu einem frühen Zeitpunkt erfolgen kann.

Lösungsansätze

Der Planungsprozess muss transparent gestaltet werden. Zweck und Ziel der jeweiligen Planung sind auch für Laien nachvollziehbar zu vermitteln. Dafür sind die entsprechenden Informationen aufzubereiten. Zur Information der Bürger müssen zunehmend auch neue Medien genutzt werden, um dem veränderten Informationsverhalten sorge zu tragen. Es müssen nach Möglichkeit alle Bürger des Planungsraumes informiert werden. Es ist zielführend bereits frühzeitig über möglichst viele Informationskanäle zu kommunizieren. Die Kommunikation muss medienübergreifend und mehrkanalig erfolgen. Dadurch lässt sich bereits frühzeitig ein Interesse an der Planung wecken.

Standard ist seit einigen Jahren Planungen mit Hilfe eines GIS zu erstellen. GIS bietet die Möglichkeit neben eindimensionalen Karten 3D-Modelle zu erstellen. Diese Darstellungen sind mit geringen Aufwand auch für Laien verständlich. Der Bürger kann den Raum und die Auswirkungen der Planung auf selbigen überblicken. So lässt sich etwa der betreffende Planraum im Ist-Zustand sowie den jeweiligen alternativen Planungen darstellen. Diese Information können im Web leicht zur Verfügung gestellt werden. Der Bürger kann sich selbst über alle Alternativen informieren. Diese graphischen Darstellungen sollten sofern nötig durch textliche Erläuterungen ergänzt werden. Diese müssen jedoch wiederum so aufbereitet werden, dass sie für den Bürger verständlich sind. Es kann außerdem sinnvoll sein die Informationen auf das Wesentlich zu verkürzen. Niemand hat beispielsweise Lust und Zeit 100 Seiten Biotopaufnahme zu studieren. Hier ist es zielführender die wesentlichen Ergebnisse kurz darzustellen. Etwa welche geschützten Arten wurden wo ermittelt und wie werden sie unter Umständen im Zuge der Planung beeinträchtigt.

Die zu diesem Zweck erstellte Website kann gleichzeitig zur Transparenz der Planung beitragen, indem wichtige Planungsschritte hier veröffentlicht werden. Des Weiteren sollte die Möglichkeit bestehen als Bürger erste Anregungen zu kommunizieren und Fragen zu stellen. Dies kann etwa über ein Forum erfolgen. Es ist hilfreich, wenn auf diese Anregungen bereits an dieser Stelle eingegangen wird. Ist etwa die Anregung eigentlich unsinnig, weil sie in dieser Form nicht praktikabel ist, sollten die Gründe dafür kommuniziert werden, ohne den Bürger zu entmutigen oder gar zu bevormunden.

Zusätzlich zu diesem Kommunikationskanal, sollten die Planungsschritte auch in regionalen Zeitungen publiziert werden, um dem unterschiedlichen Kommunikationsverhalten der Bürger sorge zu tragen.

Ergänzend können an zentraler Stelle außerdem Modelle der Planungsraumes sowie ggf. Karten ausgestellt werden, um auf die Planung aufmerksam zu machen und den Diskurs unter den Bürgern anzuregen. Grundsätzlich sollten zu diesem Zweck Räume gewählt werden, die von vielen Bürgern im Alltag betreten werden. So nett es gemeint ist, ist ein separater Raum in welchem die Planung thematisiert wird eher ungeeignet, da sie das aktive Betreten des Raumes voraussetzt. Etwas ungewöhnlich, aber effektiver wäre etwa die Kooperation mit einem Cafe, Kneipe, Eisdiele etc. Die Bürger verweilen hier eh und habe meist Zeit sich auch mal ein Modell anzuschauen und sich mit anderen darüber auszutauschen.

An die Informationsphase muss sich frühzeitig eine Diskussionsphase anschließen. In der Praxis geschieht dies etwa über den Runden Tisch, Bürgerprojektgruppen, Zukunftswerkstätte etc.

Natürlich ist dieses Vorgehen mit einem hohen Personalaufwand verbunden, aber wenn wir Bürgerbeteiligung ernst nehmen, müssen wir geeignete Wege finden, um selbige zielführend zu betreiben. Eine Pseudobeteiligung kostet auch Geld und trägt letztlich häufig nicht zu einer höheren Akzeptanz der Planung bei und hat für die Planer keinen Mehrwert, das Geld ist somit verschenkt.

Da ich nicht nur meckern möchte und es durchaus auch gelungene Beispiele gibt, führe ich als Positivbeispiel den interaktiven Landschaftsplan von Königslutter an: http://www.koenigslutter.de/landschaftsplan.php

Bürgerhaushalt 2012 Stadt Seelze

Meine Heimatstadt Seelze führte kürzlich einen Bürgerhaushalt durch, bei welchem Bürger Vorschläge zu den Einnahmen und Ausgaben für den Haushalt 2012 machen konnten. Die Beteiligung erfolgt primär über einen eigens geschaffene Internetseite. Die Aktion gliedert sich in 3 Teile:

  • 24.11 bis 15.12  Bürger bringen ihre Vorschläge ein und bewerten
  • 16.12 bis 23.12  Bewertung der Vorschläge
  • 23.02.2012 Rat entscheidet über die zu berücksichtigenden Vorschläge in der Haushaltskonsolidierung. Es erfolgt eine Vorprüfung durch die Verwaltung der 50 best-bewerteten Vorschläge

Der Rat der Stadt Seelze hat im Juni 2011 beschlossen diesen Internet-gestützten Bürgerhaushalt durchzuführen. Vermutlich ergaben sich einige Probleme, die ich in dieser Form der Beteiligung sehe, auch durch die knappe Zeit zwischen Beschluss und Beteiligung (schließlich musste sie zwingend noch 2011 erfolgen).

Information der Bürger

Ich selbst habe zufällig über einen Flyer von der Aktion erfahren. Offensichtlich wurde die Aktion in den zwei Stadtzeitung von Seelze angekündigt, welche ich jedoch stets ungelesen in den Müll schmeiße. Zusätzlich wurden Flyer gedruckt, welche ich jedoch nur einmal gesehen haben, als sie in dem Gemeindehaus der Kirche auslagen. An anderer Stelle etwa in Geschäften oder Gastronomiebetrieben habe ich sie nicht gesehen. Eine nicht repräsentative Umfrage in meinem Bekanntenkreis ergab, dass von ihnen niemand von der Bürgerbeteiligung wusste. Zusammenfassend empfinde ich die Information der Bürger über die Durchführung der Aktion als unbefriedigend. Die Stadt Seelze zählt rund 33000 Einwohner, wäre es da wirklich zuviel verlangt zumindest jeden Haushalt postalisch zu informieren? Natürlich wäre das mit Kosten verbunden, andererseits wäre in diesem konkreten Fall der Aufwand sicherlich zu rechtfertigen.

Diesen Punkt wäre ich jedoch bereit zu vernachlässigen, wenn die Information der Bürger in Bezug auf fachliche Themen wenigstens erfolgt wäre. Leider ist das Einzige, was dem interessierten Bürger zur Verfügung gestellt wird ein lächerliche Broschüre Haushalt. Sie informiert kurz über den Ablauf des Bürgerhaushaltes und soll ansonsten in wenigen Absätzen über den Haushalt der Stadt Seelze informieren. Diese Broschüre ist jedoch nicht einmal ansatzweise geeignet, dem Bürger einen Überblick über die Finanzen der Stadt zu vermitteln. Ich frage mich ernsthaft, welchen Zweck sie erfüllen soll. Falls man den Bürger wirklich über die Finanzen der Stadt informieren wollte, müssten diese viel ausführlicher sein. Außerdem wird der Bürger mit den Informationen allein gelassen, letztlich wäre ein Informationsabend sicherlich geeigneter gewesen, um die Bürger über den Ist-Zustand zu informieren.

Bürgerbeteiligung ist nicht immer zielführend

Ich bin definitiv für Bürgerbeteiligung, aber wenn es um Haushaltsfragen geht wird es schwierig oder gar unmöglich durch ein Beteiligungsverfahren sinnvolle Vorschläge zu gewinnen und das von der Stadt Seelze verwendete Verfahren ist absolut ungeeignet.

Ich kann als Bürger nach der Lektüre der Broschüre Haushalt (genau genommen muss ich sie nicht einmal lesen) einen Vorschlag verfassen. Dieser Vorschlag kann wiederum von anderen Bürgern kommentiert und in einer fünfstufigen Skala bewertet werden. Ich kann jedoch meinen Vorschlag nicht mehr bearbeiten. Selbst wenn ich einige Kommentare/Anregungen gerne in meinen Vorschlag einbauen würde, ist mir dies nicht mehr möglich, da bereits einige Bürger über den Vorschlag angestimmt haben. Ich könnte höchstens einen neuen überarbeiteten Vorschlag einreichen.

Übersichtlichkeit und Bedienerfreundlichkeit waren offensichtlich kein Thema bei der Erstellung der Website. Erst nach Ablauf der Bewertungsphase wurden die Vorschläge Themenbereichen zugeordnet. Was für mich bedeutete, dass ich mich durch 280 Anträge klicken musste, obwohl ich mich womöglich nur in einem oder wenigen Themenbereich für kompetent genug halte, um abzustimmen.

Es erfolgte eine Moderation der Beiträge, welche etwa auf rechtliche Probleme im Vorschlag hinwies. Allerdings standen Vorschläge auch dann noch zur Bewertung bereit, wenn sie nicht mir geltenden Recht vereinbar sind. Die Übersichtlichkeit hätte es geboten, solche Vorschläge nach Information der Einsteller zu entfernen, die rechtlich definitiv nicht durchsetzbar sind.

Doch das eigentliche Problem ist aus meiner Sicht die Idee an sich. Dem Großteil der Bürger wird schlicht die Kompetenz fehlen, einzuschätzen was rechtlich möglich ist. Viele Vorschläge sind außerdem so undifferenziert,  dass sie eigentlich nicht als Vorschlag durchgehen. Der Bürger ist schlecht informiert und deshalb kaum in der Lage, konkrete Vorschläge zu unterbreiten. Diese Probleme ergeben sich vor allem aus der mangelnden bzw. nicht erfolgten Vorinformation und Betreuung. Letztlich ist vorgesehen, dass die 50 best-bewerteten Vorschläge fachlich von der Verwaltung geprüft werden und die Ergebnisse den Fachausschüssen und dem Rat zur Beratung vorgelegt werden. Dabei spielt lediglich die Bewertung eine Rolle, nicht aber die abgegebene Bewertungen.

Also nochmal: Ich als Bürger mache mir die Mühe Vorschläge zu machen und zu bewerten, das kostet Zeit (ich habe etwa 12 Stunden für die Bewertung verwendet und ich habe nicht alle Vorschläge bewertet und auch keine eingebracht) und erst danach wird geprüft, ob sie überhaupt umsetztbar sind. Wieso können nicht erst Vorschläge eingebracht werden, die dann zumindest rechtlich geprüft werden und im Anschluss die Bewertung erfolgen? Des Weiteren hätte ich mir gewünscht, dass Vorschläge nochmal überarbeitet werden können, bevor sie bewertet werden. Hätte man vor Beginn der Aktion einen Informationsabend veranstaltet, hätten sich außerdem Bürger zu Arbeitsgruppen zusammenfinden können. Im Ergebnis sind viele sehr ähnliche Vorschläge gemacht wurden, deren Qualität sich teilweise gravierend unterscheidet. Die gewonnen Erkenntnisse für die Stadt Seelze sind letztlich gering und ich als Bürger bleibe sehr unbefriedigt zurück.

Falls es interessiert; hier finden sich die Ergebnisse in tabellarischer Form: https://www.buergerhaushalt-seelze.de/ergebnisse

Wie ein Vogel die Freiheit findet

Egon der Austernfischer lebt auf der beschaulichen Insel Wangerooge. Dort lebt er das ganze Jahr. Doch die meisten seiner Freunde ziehen im Winter, wenn die Stürme an der Küste zunehmen und es ungemütlich kalt wird in Gruppen Richtung Süden. Eine von ihnen ist die Austernfischerdame Sara. Im Sommer verbringen sie viel Zeit miteinander und sie erzählt von ihren Reisen: „Ich habe so viel gesehen. Ich bin über Meere geflogen, habe neue Orte kennengelernt und in Afrika leben ganz seltsame Tiere. Es ist ein Abenteuer. Egon komm doch mit!“ Doch Egon ist skeptisch: „Aber was ist mit den Gefahren? Jedes Jahr sterben einige von euch. Sie werden von Stürmen abgetrieben und fallen erschöpft ins Meer, manchmal werden sie erschossen. Nein, ich bleibe lieber hier auf meiner Insel, denn hier ist es sicher.“

Als er kälter auf Wangerooge wird ist es für Sara an der Zeit mit ihren Freunden Richtung Süden zu ziehen. Zuvor geht sie zu ihrem Freund, um sich zu verabschieden: „Bitte Egon komm mit, du bist ein Vogel, du hast die Möglichkeit die Welt zu sehen, lasse sie nicht verstreichen. Wir sind viele, wir passen aufeinander auf. Wenn dich die Kraft verlässt werde ich bei dir bleiben und dich pflegen, bis du weiter fliegen kannst, lasse dir das Abenteuer nicht entgehen.“ Sie stößt ihn mit ihrem roten Schnabel an, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, doch Egon schüttelt seinen schwarzen Kopf: „Nein, es ist zu gefährlich. Ich bleibe hier, denn hier ist es sicher.“ Die Sonne verschwindet hinterm Horizont und für die Austernfischer ist es an der Zeit ihre lange Reise in den Süden zu starten. Egon jedoch bleibt zurück.

Der Winter ist kalt und nass. Es ist nicht immer leicht für Egon, doch er hat genug zu essen und das wichtigste; er ist sicher. Als die Tage wieder wärmer werden, schaut Egon jeden Tag an den Himmel und hält nach Sara Ausschau. Er vermisst seine Freundin und ist begierig ihre Geschichten von den fernen Ländern und Tieren zu hören. Eines Tages landet sie unverhofft neben ihm. „Sara du bist dünn geworden“ „Ja, es war eine lange Reise, aber sie hat sich gelohnt.“ Sara erzählt nächtelang von ihren Erlebnissen, die sie auf ihrer Reise gesammelt hat. Egon hört ihr zu und stellt sich die Orte vor, von denen Sara berichtet. Doch als die Tage wieder kürzer werden, ist es für Sara wieder an der Zeit zu ziehen. Sie geht zu ihrem Freund, um ihm auf wiedersehen zu sagen: „Egon du lauscht meinen Geschichten und ich sehe das Glitzern in deinen Augen. Komm mit uns und erlebe selbst die Reise, du bist ein Vogel und du wirst es bereuen, wenn du nicht mitkommst.“ „Nein, es ist zu gefährlich ich bleibe lieber auf meiner Insel, hier ist es sicher.“ Sara schmiegt sich zum Abschied an ihren Freund und fliegt mit ihrem Schwarm davon. So geht es Jahre. Sara erzählt Egon von ihren Abenteuern und jedes Jahr bittet sie ihn mitzukommen, doch Egon lehnt ab: „Nein, es ist zu gefährlich ich bleibe lieber auf meiner Insel, hier ist es sicher.“

Eines Tages im Sommer sitzen Egon und Sara zusammen in den Salzwiesen. Sara erzählt gerade von lustigen Tieren mit langen Hälsen, sie nennt sie Giraffen, als plötzlich eine Katze aus dem Gebüsch gestürmt kommt und sich Sara schnappt. Egon hat Angst, doch er nimmt seinen Mut zusammen, um seiner Freundin zu helfen, er sticht mit seinem langen Schnabel auf die Katze ein und schreit um Hilfe. Einige Austernfischer kommen, um zu helfen und so gelingt es ihnen Sara vor der Katze zu retten, doch sie ist schwer verletzt. Sie tragen sie an einen sicheren Ort und Egon kümmert sich Tag und Nacht um seine Freundin. Er bringt ihr Muscheln und Schnecken und deckt ihre Wunden zu, doch es hilft nicht, Sara wird zunehmend schwächer. Am dritten Tag nach dem Angriff bittet sie ihren Freund mit schwacher Stimme sich zu ihr zu setzten: „Ich danke dir Egon, doch es geht mit mir zu Ende. Du bist mein bester Freund und weil ich dich so gern habe, möchte ich dich um eine Sache bitten. Du musst mit versprechen es zu tun.“ Egon nickt schwach. Egal was sie sich wünscht er wird es tun, schließlich ist sie seine beste Freundin: „Was ist dein Wunsch?“ „Ich möchte, dass du mit dem Schwarm in den Süden ziehst. Lege deine Angst ab und sei frei!“ Ihre Augen fallen zu, sie ist tot. Egon begräbt sie in den Salzwiesen, an einer Stelle wo sie vor der Flut geschützt sein wird. Obwohl Egon sich vor dem Zug fürchtet beginnt er sich Fettreserven anzufressen, er hat es versprochen. Eines Tages ist es soweit, hunderte Flügel begeben sich in den Himmel auf einen langen Zug Richtung Süden. Egon schaut noch einmal zum Grab seiner Freundin und macht sich auf den Weg, bereit alle Abenteuer zu erleben, die er in den letzten Jahren versäumt hat und im Sommer würde sich zu seiner Freundin setzten und ihr davon berichten. Von den Tieren mit dem langen Hälsen, dem Meer das niemals trocken fällt und der Freiheit die er verspürt hat als er endlich aufhörte Angst zu haben.

Die Sache mit dem Urheberrecht

Wenn wir von der Prämisse ausgehen, dass Kunst erst durch die Interpretation des Betrachters Wert erhält, macht das Urheberrecht keinen Sinn. Wenn Kunst nur dadurch lebt und eine Existenzberechtigung erfährt, dass andere sie mit dem eigenen Denken und in einem kreativen Prozess verändern und ihre eigene Interpretation schaffen, dann läuft es dem Grundgedanken der Kunst zuwider, sie als statisches Werk zu behandeln, das nicht mit den Rezipienten agiert. Das Urheberrecht macht nur dann Sinn, wenn wir uns in der Masse bereits von dem Grundwert (so möchte ich es an dieser Stelle benennen) entfernt haben und Kunstschaffen primär der Vermehrung von Reichtum dient. Per Definition schafft sie sich dadurch selbst ab und wir müssen uns fragen, ob etwas das keine Kunst ist, tatsächlich durch ein Gesetz zu schützen ist, welches Denken dadurch beschränkt, dass es nicht den schaffenden Geist in Fokus sieht, sondern den Initiator der Idee. Wenn ich ein Bild male und jemand anderes davon inspiriert etwas neues schafft, wäre es von mir doch reichlich arrogant zu behaupten, dieses Werk sei eigentlich mein Werk und man habe mich bestohlen. Wenn ich im Sinne der antiken Musen einen Menschen zu etwas neuen inspiriere, ist das ein wunderbarer Prozess und nicht zu verteufeln oder gar zu verbieten. Es beschreibt letztlich nur das menschliche Gesellschaftsdenken. Wir selbst sind nicht in der Lage unabhängig von anderen Menschen ohne jeden Einfluss von Außen zu existieren. Wir sind in all unserem Denken von Ideen anderer abhängig und das ist die wesentliche Leistung einer Gemeinschaft. Zu begreifen, dass wir voneinander lernen und die Menschheit in ihrer Masse voranbringen.

Politisierung ist der größte Fehler, den ein Künstler begehen kann. Niemand weiß, ob die Venus von Milo kommunistisch oder faschistisch war

Salvador Dali